„Das Seelenauto hat einen Freund“ – verbale Verletzungen in Partnerschaft und Familie verstehen und abfedern

Was am Ende des Tages zählt...

Was am Ende des Tages wirklich zählt - wenn es uns um ein lebendiges, erfülltes Liebes- und Familienleben geht - sind nicht die „Dinge“, die wir in Zahlen und Fakten packen können - wie beispielsweise Noten, einen Kontostand oder eine besondere Leistung. Was zählt ist, wie wir uns miteinander fühlen. Es geht um die Beziehung: Fühlen wir uns gehalten, sicher und wohl? Dies gilt für die Partnerschaft genauso wie für unsere Kinder, die getragen von sicheren Bindungen ihre Welten erobern wollen. Gleichzeitig sind Meinungsverschiedenheiten, emotionale Stolpersteine und Verletzungen natürlicher Teil des Lebens als Paar und als Familie. Ein Verständnis von seelischen Prozessen und zwischenmenschlichen Konflikten kann dabei helfen, einen eigenen liebevollen Weg als Familie zu finden. Aus diesem Grund entwickele ich aus meiner Arbeit in der Online-Paartherapie sowie der Paar- und Familientherapie in Darmstadt immer wieder Geschichten und Metaphern.

 

Eine Metapher entwickelt aus der (Online-) Paartherapie

Ich habe vor einigen Monaten eine kurze Geschichte entwickelt, die Eltern nutzen können, wenn ihre Kinder fragen, warum sie zur Psychotherapie oder zur Paartherapie gehen. Dabei geht es erst einmal darum, wie wir unsere Seele und seelischen Kummer für Kinder (und auch uns Erwachsene) greifbarer machen können. 

 

Jeder Mensch hat eine Seele. In unserer Seele wohnen unsere Gefühle und die Erlebnisse mit unseren Lieblingsmenschen - die schönen und auch die schrecklichen. In unserer Seele wohnen auch die kleinen und großen Fähigkeiten, die wir brauchen, um das Leben zu meistern. Wir können uns die Seele als ein Auto vorstellen - mit einem großen Kofferraum mit viel Platz für unsere Erlebnisse und Gefühle. Und so fahren wir mit unserer Seele auf der Autobahn des Lebens umher. Hier kannst du die erste Geschichte über das Seelenauto nachlesen.

 

Nun gibt es eine Fortsetzung der Geschichte: In diesem Artikel möchte ich euch den zweiten Teil vorstellen, in dem ich die Beziehung des Seelenautos zu seinem Freund beschreibe, dem grünen Motorroller. Es ist eine Beziehung, die für das Seelenauto und den Motorroller Freude und Glück bedeutet - und auch ein emotionales Risiko einschließlich beziehungsbezogener Verletzungen. Im Anschluss an die Geschichte habe ich einige Gedanken aus meiner Perspektive als (Online-) Paar- und Familientherapeutin zusammengefasst.     

 

Das Seelenauto und der dunkelgrüne Motorroller

Das Seelenauto hat einen Freund:

der dunkelgrüne Motorroller.

 

Das Seelenauto mag den grünen Roller sehr, weil er ein Abenteurer ist. Und ein Träumer. Und gleichzeitig mit beiden Rädern auf der Erde.

Weil sie gerne dasselbe Tempo fahren. Und weil der Motorroller die Musik mag, die das Seelenauto spielt.

 

Oft fahren sie gemeinsam eine Runde auf der Straße des Lebens.

Das sind schöne Ausflüge.

Sie fahren zu den Plätzen mit der besten Aussicht.

Plätze mit Weitsicht.

Bunten Sommerwiesen.

Herbstregenduft.

Oder Seen mit Eiskristallen.

 

Das Seelenauto packt für die Ausflüge

immer eine große Landkarte in den Kofferraum. Eine Flasche Motoröl. Und einen Extrakanister Benzin.

 

Das Seelenauto hat in seinem Kofferraum auch eine Kiste.

"Betrifft: Lieblingsfahrzeuge“, steht da drauf.

In der Kiste sind Anleitungen. Für den Umgang mit den Lieblingsfahrzeugen.

Instruktionen, was zu tun ist, wenn sich auf gemeinsamer Fahrt auf der Autobahn des Lebens Probleme auftun.

Und da sind Werkezeuge drin. Für die Reparaturen von Schäden, die entstehen, wenn das Seelenauto mit einem Lieblingsfahrzeug zusammenprallt.

 

Selten, aber manchmal, da passiert es noch, wenn das Seelenauto mit dem grünen Roller unterwegs ist:

Ganz plötzlich lässt das Seelenauto den Motor laut aufheulen, rast los... Und versetzt dem Motorroller einen Stoß.

 

Und dann ist es still.

Das Seelenauto steht da und weiß nicht, wie das passieren konnte.

Es wird dann traurig. Und schämt sich schrecklich.

 

Der Motorroller sagt dann manchmal: "Rostiges Radlager nochmal! Ich bin sauer! Ich will meine Ruhe."

Und fährt nach Hause.

 

Und meistens sagt der Motorroller: "Schon gut. Ich weiß. Hol deine Kiste! Ich zeige dir, wie wir den Kratzer aus meinem Lack wieder wegbekommen."

 

In seiner Kiste hat das Seelenauto eine Tube Politur und ein wunderbar weiches Frotteetuch.

Und dann wissen beide manchmal nicht, ob sie weinen oder lachen sollen. Weil Liebe schön ist. Und manchmal schmerzt.

Und Polieren nun mal kitzelt.

 

Bindungsmuster beeinflussen unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen

Folgende Punkte möchte ich als Ergänzung zur Geshichte aus meiner bindungsdynamischen Perspektive zur Verfügung stellen:

Was wir als erstes von unseren Bezugspersonen lernen ist, ob sie uns ein Gefühl von Sicherheit und Wärme geben können - bzw. was wir tun müssen, um diese zu erfahren. Im besten Fall müssen wir nichts dafür tun. Bedingungslose Liebe haben viele von uns in ihrer Kindheit nicht erlebt. Die meisten von uns haben erlebt, dass ein  Elternteil oder auch beide ihre Zuwendung und Hilfe an bestimmte Bedingungen geknüpft haben, beispielsweise erwartet haben, dass wir "brav" und still sind und eigene Gefühle und Anteile unterdrücken. 

Bindungsmuster sind implizite Erinnerungen an Erfahrungen mit für uns wichtigen Menschen, unsere Eltern, Großeltern, Partner*innen usw.

"Implizit" bedeutet, dass diese Erinnerungen uns beeinflussen, wenngleich wir sie in der Regel nicht konkret benennen können.

Unsere Grunderfahrung kann geprägt sein von "Sicherheit" oder "Unsicherheit", deshalb sprechen Fachleute von "sicherer" oder "unsicherer" Bindung (in meinem psychologischen Kinderbuch „Ela, Elmo und die Zaubermomente“ geht es darum, wie Bindung funktioniert und wie wir Kindern Halt und Sicherheit geben können).

Je mehr Unsicherheit wir erfahren haben, desto sensibler ist unsere innere Alarmanlage eingestellt. Sie kann Notfallreaktionen auslösen, ohne dass wir es wollen - wenn ein Wort, ein Blick, ein Geruch usw. als gefährlich markiert ist (wenn wir als dauerhaft Eltern erschöpft sind, steigt außerdem die Wahrscheinlichkeit dafür, dass unsere innere Alarmanlage anspringt).

 

Der grüne Motorroller hat einige Merkmale, die einen "sicheren Bindungsstil" auszeichnen. Er kann liebevoll hinter die Fehler des Seelenautos schauen. Und gleichzeitig gibt er gut Acht auf sich selbst, indem er seine eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiraum ernst nimmt und deutlich macht, welches Verhalten er nicht toleriert.

 

Das Seelenauto ist auf einem guten Weg, sich in "Beziehungen zu Lieblingsfahrzeugen" immer wohler und sicher zu fühlen. Manches, was es dafür braucht, hat das Seelenauto in der Werkstatt für die Seele gelernt (wenn ihr hier mitlest, dann kennt ihr die Werkstatt für die Seele, sie ist eine Metapher für therapeutische Begleitung durch Fachkräfte). Und viele hilfreiche Fertigkeiten und Kniffe für die Gestaltung von Beziehungen hat es sowieso in seinem Kofferraum - die Kiste für Lieblingsfahrzeuge. Die Kiste steht gleichzeitig für das Bindungssystem des Seelenautos bzw. für einige Facetten davon. Und natürlich gibt es auch Entsprechungen in den Strukturen in unserem Gehirn, die eine wichtige Rolle bei der Gestaltung sozialer Beziehungen spielen.

 

In Beziehungen, die uns dauerhaft nicht guttun, müssen wir nicht bleiben. Gleichzeitig sollten wir auch der Illusion nicht auf dem Leim gehen, dass Partnerschaft und Familienleben ohne Verletzungen möglich sind. Wir kommen nicht drumherum: Das eigene Leben mit anderen Menschen zu teilen, bedeutet neben aller Bereicherungen auch ein gewisses Maß an Stress. Wenn wir einen Menschen hinter die Sicherheitslinie und in unser Herz lassen, laden wir damit das untrennbare Duo aus schönen und schrecklichen Momenten ein. Daher kann es Sinn machen, Politur und weiche Tücher immer dabei zu haben.

...Um diese „Politur“ geht es immer wieder in meinen psychologischen Kinderbüchern und in meiner Arbeit in der (Online-) Paartherapie und Elternberatung. Denn auch, wenn es nicht immer in unserer Hand liegt, was das Leben für uns bereit hält: wir können einen Umgang mit Herausforderungen, Hürden und Verletzungen finden.


Dies ist das Blog des Halthafens.

 

Meine Texte ergeben sich aus der Beschäftigung mit psychologischer und systemischer Literatur und Forschung, meinen Erfahrungen in der Paartherapie mit Eltern in meiner Praxis in Darmstadt und der Paarberatung und Paartherapie online sowie aus meinem Leben als Mama von zwei Kindern. Aus meiner Arbeit heraus entwickele ich außerdem psychologische Kinderbücher. Wenn du über neue Texte informiert werden magst, folge mir gerne auf Instagram oder trage dich gern für meinen Newsletter ein.